Dornfelderröschen

weinralley_os_140
Vorab: Ich bin weder Wein- noch Winzerbloggerin und mein Beitrag erhebt keinerlei fachlichen Anspruch. Wenn aber die märchenhafte Idee der Weinrallye von meinem lieben Twitter-Freund Thomas Lippert geboren wurde (toller Header, Thomas!) und die phantastische Einladung zur deren 25. Auflage auch noch von der Mosel kommt, dann will ich hier gerne auch ein Etappenziel markieren.

Dornfelderröschen

Vor Zeiten war ein Königsberg und eine Königsbergin, die sprachen jeden Tag: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten!“ und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Königin einmal in der Badstube sass, dass ein Frosch aus dem Wasser kroch und zu ihr sprach: „Dein Wunsch wird erfüllt werden. Ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.“
Was der Frosch gesagt hatte, das geschah, und die Königsbergin gebar eine Juffer, die war so schön, dass der Königsberg vor Freude sich nicht zu lassen wusste und ein rauschendes Fest anstellte. Er ladete nicht bloss seine Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die weisen Weinhexen dazu ein, damit sie dem Kind hold und gewogen wären. Es waren ihrer dreizehn, weil er aber nur zwölf goldlayene Teller hatte, von welchen sie essen sollten, so musste eine von ihnen daheim bleiben.
Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, es gab Fleisch vom heißen Stein, und als die Sonnenuhr zwölfe zeigte, beschenkten die Weinhexen die Juffer mit ihren Wundergaben: die eine mit Tugend, die andere mit Schönheit, die dritte mit Reichtum, und so mit allem, was auf der Welt zu wünschen ist. Als elfe ihre Sprüche eben getan hatten, trat plötzlich die dreizehnte herein, eine schwarze Katz auf ihrer Schulter. Sie wollte sich dafür rächen, dass sie nicht eingeladen war, und ohne jemand zu grüssen oder nur anzusehen, rief sie mit lauter Stimme: „Die Königbergstochter soll sich in ihrem fünfzehnten Jahr an einer Rebschere schneiden und tot hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte sie sich um und verließ den Saal. Alle waren erschrocken.
Da trat die zwölfte hervor, die ihren Wunsch noch übrig hatte, und weil sie den bösen Spruch nicht aufheben, sondern nur ihn mildern konnte, so sagte sie: „Es soll aber kein Tod sein, sondern ein hundertjähriger tiefer Schlaf, in welchen die Königbergstochter fällt.“
Der Königsberg ließ den Befehl ausgehen, dass alle Rebscheren in der ganzen Grafschaft eingeschmolzen werden.
Es geschah, dass an dem Tage, wo sie gerade fünfzehn Jahr alt ward, der Königsberg und die Königsbergin nicht in der Hütte waren, und die Juffer ganz allein im Schloss zurückblieb. Da ging sie allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie sie Lust hatte, und kam endlich auch an einen alten Turm. Sie stieg das enge Treppchen hinauf und gelangte zu einer kleinen Türe. In der Kammer stand ein herrlich bequem anmutender Sessel, auf dem sich die erschöpfte Juffer niederließ. Vor Müdigkeit war ihr die alte, vergessene Rebschere entgangen, die jemand auf dem Sessel vergessen haben musste.
Kaum hatte sie aber die Rebschere angerührt, so ging der Zauberspruch in Erfüllung, und sie stach sich damit in den Nacktarsch. In dem Augenblick aber, wo sie den Stich empfand, fiel sie nieder und lag in einem tiefen Schlaf.

Und dieser Schlaf verbreite sich über den ganzen Schlossberg. Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich das ganze Schloss umzog und darüber hinauswuchs, dass gar nichts davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf den Dach.
Es ging die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornfelderröschen, denn so ward die Königbergstochter genannt.
Nach langen Jahren kam wieder einmal ein Königssohn über die Kupp, und hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte.
Da sprach der Jüngling: „Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und das schöne Dornfelderröschen sehen.“
Nun waren aber gerade die hundert Jahre verflossen, und der Tag war gekommen, wo Dornröschen wieder erwachen sollte. Als der Königssohn sich der Dornenhecke näherte, verwandelte sie sich in einen Rosenhang und tat sich von selbst auseinander
Vorbei am Goldbäumchen ging er weiter und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornfelderröschen schlief. Da lag sie und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte. So küsste er ihr den Gottesfuß.
Wie er sie mit dem Kuss berührt hatte, schlug Dornfelderröschen die Augen auf, erwachte, und blickte ihn mit Goldtröpfchen in den Augen ganz glücklich an. Sie gingen zusammen herab, und der ganze Hofstaat erwachte.
Und da rief man nach dem Prälaten und die Hochzeit des Königssohns mit dem Dornfelderröschen wurde in aller Pracht gefeiert, und sie lebten vergnügt bis hin zum Gipfel.

Advertisements

4 Gedanken zu „Dornfelderröschen

  1. Pingback: Weinrallye 25: Wein in Literatur und Film, Zusammenfassung - Bildergeschichten aus dem Weingut Steffens-Keß

  2. Pingback: Lesetipps 29.7.09

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s