Kalt erwischt

Mein früherer Chef hat mal gesagt, Frauen würden einen großen Fehler immer wieder machen: Wenn ein schwierige Situation vorbei sei, gingen sie grundsätzlich davon aus, dass von da an das Leben nur noch aufwärts ginge und eben darum träfe jedes weitere Problem sie um so härter.

Ich habe seitdem oft und viel über seine Worte nachgedacht und gebe ihm heute wie damals Recht.

Heute ist wieder so ein Tag, an dem es mich kalt erwischt hat. Die Beerdigung liegt seit zwei Wochen hinter uns und ich war selbst erstaunt, wie gut ich bis jetzt mit der Situation zurecht kam. So gut, dass ich mich manchmal schon gefragt hatte, ob „man“ irgenwann unweigerlich so wird: Aus den Augen, aus dem Sinn – das Leben geht weiter, muss ja…

Bis mir heute diese Fotos in die Hände fielen, die ich wohl unbewusst vor mir selbst versteckt hatte. Bilder von Momenten, in denen wir zusammen gelacht und gefeiert haben, gerade mal zwei Tage bevor sie starb und keiner ahnte, was uns erwartete.

Und der Schmerz ist wieder da. Intensiver als je zuvor.

Plötzlich dringen die Worte „für immer“ und „nie wieder“ so stark in meinen Kopf, dass das Gefühl von Endgültigkeit mir fast die Luft zum Atmen nimmt.

Ich kann sie kaum ansehen, diese Bilder. Immer noch liegt das gleiche Bild obenauf. Ich habe nicht gewagt, weiterzublättern und frage mich, ob ich es überhaupt möchte. Grenzte es nicht an Selbstquälerei, sie doch anzusehen und wäre es nicht besser, sie für immer wegzuschließen, um sie nie mehr ansehen zu müssen? Ich weiß es nicht.

Und hätte mir nicht klar sein müssen, dass derartige Tage kommen würden? Hätte ich mich besser darauf vorbereiten können, um eben diesen Momenten keinen Raum zu geben?

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7 Gedanken zu „Kalt erwischt

  1. Meine Erfahrung ist die, das diese Momente zwar schmerzhaft sind, genau so wie du das beschreibst.
    Aber, ich kann dir versprechen, so wie die Zeit Wunden heilt und diese Momente seltener werden, so werden sie schöner und immer mehr von Erinnerung geprägt sein.
    Und irgendwann wirst du bei diesen Momenten sogar lächeln und dich freuen das er da war, der Mensch und der Moment der dich diesem Menschen wieder ganz nahe brachte.

  2. Hallo michallein

    ich glaube diese Momente bleiben einem.Sie sind nur nicht mehr soo schlimm.
    Mir erging es ähnlich, als mein Vater gestorben war. Eines Tages stellte ich plötzlich fest, dass er ja jetzt NICHT mehr hinter mir steht, wenn ich Blödsinn mache, um mir den Rücken zu stärken und mich aufzufangen. Das war erst mal schwer wegzustecken, aber das Leben muss ja weiter gehen… also ging ich weiter. Auch heute habe ich diese Momente noch und immer noch sind sie sehr unangenehm, aber man lernt sie zu nehmen.
    Ich denke so wird es auch Dir gehen: Es wird immer seltsame Momente geben, die man zumeist nicht vorausahnen und damit umgehen kann, wo einem verstorbene Menschen plötzlich sehr fehlen. Vielleicht ist das auch Teil der Erinnerung die wir an diese Menschen mit uns herumtragen und vielleicht ist das auch gut so..
    lg Markus

  3. Nein, Du hättest Dich nicht vorbereiten können. Auch, wenn Du vorher gewußt hättest, daß solche Momente kommen. Wären es nicht die Fotos gewesen, dann irgendetwas anderes. Oder einfach so. Das wird Dir noch öfter passieren, aber die Abstände werden irgendwann größer.
    Die Fotos wirst Du vermutlich nie ohne eine gewisse Trauer betrachten können. Lege sie weg und sieh sie Dir erst wieder an, wenn Du das Bedürfnis dazu hast.
    Ich denke an Dich und drück Dich ganz fest, Susanne

  4. … so ist das mit der Trauer: unerwartet überfällt sie uns, meist in Momenten, in denen wir absolut gar nicht damit rechnen.
    Wenn Wunden noch frisch sind, reißen sie leicht wieder auf und schmerzen. Mit der Zeit tut es nicht mehr so weh. Irgendwann wirst du feststellen, daß du dankbar zurückschauen kannst auf die schöne Zeit, die ihr gemeinsam hattet.
    Du hast deine Patentante verloren. Ich denke, daß mit einem solchen Verlust irgendwie auch ein Stück der eigenen Kindheit geht.
    Vielleicht ist es Selbstquälerei … doch ich finde, weinen reinigt die Seelenfenster und man sieht danach ein klitzekleines Bißchen klarer.

  5. Ich musste mich im vergangenen Jahr von meiner Mutter verabschieden – über eineinhalb Jahre intensiver Betreung war es am Ende trotzdem so sehr endgültig. Wie du schreibst: für immer – nie wieder.
    An manchen Tagen, in manchen Situationen wird mir der Verlust erst so langsam klar und: um nichts in der Welt möchte ich die letzten Tage, Stunden, Minuten des Abschiedes missen.

    Liebe Grüße,
    Monika

  6. Auch ich glaube, diese Momente bleiben und ich habe die Erfahrung gemacht, wenn man sich auf diese Momente einlässt, den Schmerz herausschreit, mit Tränen umspült (oder was auch immer), dass diese Momente leichter werden. Vorbereitet sein…? Aber dann fehlen Zeit und Energie, um zwischen diesen Momenten das Leben zu genießen.
    Herzliche Grüße & eine dicke Umarmung vom wortmeer

  7. Die Momente bleiben – aber irgendwann werden sie kostbar statt schmerzhaft, weil sie den Menschen, der nicht mehr da ist, plötzlich wieder ganz nahe sein lassen.
    Ich wünsche dir Kraft!
    Liebe Grüße, Finn

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