Abendspaziergang

Nach Wochen der Hitze, in denen ich meine Spaziergänge in den Wald verlegt hatte, beschloss ich, meinen alten Freunden in Feld und Flur mal wieder einen Besuch abzustatten. Ich fragte mich, ob sie mich noch kennen würden, oder ob ich eine Fremde für sie geworden sei.

Der asphaltierte Weg hinter der Kapelle schwieg mich vorwurfsvoll an, aber ich ließ mich nicht entmutigen und ging weiter. Nur noch schnell in den Feldweg einbiegen und dann würde die Weite der Ebene mir wie immer zu Füßen liegen.

Der Feldweg war ungehobelt wie immer: „Geh ruhig weiter, wenn Du willst, aber wundere Dich nicht! Wenn einer fragt: Ich hab Dich nicht gesehen.“

Nein, davon lasse ich mich nicht verschrecken – nur noch einmal um die Ecke und ich bin zu Hause: Da, wo ich jeden Baum, jeden Strauch und jeden Holzstapel kenne!

Hunderte von Malen habe ich in ihrem Schatten geweilt, mich vor ihren Dornen geschützt, mich in ihrem Schutz versteckt.

Die Ecke gibt es nicht mehr. Ich blicke zurück, doch es gibt nur diesen einen Weg. Verlaufen hab ich mich nicht.

Ich gehe weiter, nehme den Hund kürzer aus Angst, er könnte die goldenen Halme abknicken, die aus dem Weg, den ich einst kannte, nicht mehr als eine Furche machen.

Um mich wiegt und flüstert es: „Was willst Du hier, Fremde? Bist Du gekommen, uns zu zerstören?“

Ich frage mich, ob ich ein Recht habe, hier zu sein, zugleich spüre ich, ich WILL hier sein!

Und gleich hinter der leichten Erhebung da vorne wird mein Blick frei werden auf die Felder mit ihren zarten grünen Pflänzchen, von denen ich mich schon lange frage, was wohl mal aus ihnen werden wird.

Schon während des kurzen Anstiegs höre ich ein Wispern und Raunen.

Genau so wie neulich auf der Jahrgangsfeier. Als ich mich schon fremd fühlte, ehe ich dort angekommen war.

Mir offenbart sich ein Wald aus Maisstauden, die mich an Höhe fast überbieten. Sind das die Planzen, die ich als veschämt grüne Gräser in Erinnerung habe?

„Geh weg, du hast dich verändert!“ flüstert der Mais mir zu. „Bist nicht mehr die, die du warst! Das hat der Klatschmohn mir verraten.“

Ich widerspreche nicht, mein Wille ist stärker als die Beklemmung.

Sanft streift mich der Wind: „Ich kann Dir helfen, ich kann vermitteln!“

„Nein“, sage ich „NEIN! Die haben Recht, ich hab mich verändert!“

Und nein, es wird nicht still um mich.

Alles klingt weiter.

Und ich weiß, ich habe mich verändert.

Ich liebe es,

das Leben.

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2 Gedanken zu „Abendspaziergang

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